Mein Weg in die Klinik (5) – BundesPARTEItag

Tag 169 trocken

Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4

Seit November 2021 bin ich Vorstizender des Landesverbands Bayern von Die PARTEI. Das war hier bisher kein Thema, denn meine Sucht hat damit nicht wirklich was zu tun, auch wenn ich zugeben muss, dass dieses Umfeld jetzt nicht unbedingt förderlich war den Konsum einzuschränken. Doch mein Heimatkreisverband, München Stadt, ist neben der politischen Arbeit auch irgendwie eine große Selbsthilfegruppe. Wir gehen recht offen mit körperlichen und besonders psychischen Problemen um und respektieren diese auch. Diese Gruppendynamik hat einen großen Anteil daran gehabt, dass ich mich meinen Problemen gestellt habe, denn ich war mir sicher, dass mich dort niemand dafür negativ beurteilen würde. Trotzdem wollte ich das ganze Thema erstmal für mich behalten, denn Angst vor Relativierung und dummen Kommentaren (egal ob ernst oder spaßig gemeint), hatte ich trotzdem.

Direkt nach meinem Termin bei Therapie Sofort ging ich wieder zu Anna nach Hause und berichtete ihr grob, wie es gelaufen war. Im Kopf konnte ich das dann erstmal abhaken, denn am nächsten Morgen um 7 Uhr fuhr unser Zug nach Leverkusen zum BundesPARTEItag. Dafür musste ich nochmal zu mir in die WG, um ein paar Sachen zu holen. Erleichtert zog ich los, denn eine große Last war plötzlich weg, auch wenn das Ziel selbst noch nicht erreicht war. Ich packte alles Nötige ein und wollte Anna im Treppenhaus auf dem Weg nach unten kurz schreiben, dass ich auf dem Rückweg sei. Mit der Sporttasche über der Schulter und dem Handy in der Hand verpasste ich eine Stufe und stürzte. Ein lautes Knacken im Knöchel kommentierte meine Landung.

Kurzfassung: Notaufnahme, Knöchel verstaucht, Krücken, richtig mies geschlafen, ab nach Leverkusen.

So krückte ich bis ins Hotel. Wie oft ich in der Zwischenzeit darauf angesprochen wurde, ob ich wenigstens besoffen gewesen sei bei dem Sturz, ist unzählbar. Das sollte sich die folgenden Tage auch nicht wirklich ändern. Am ersten Abend hatte der Kreisverband Leverkusen eine Kneipentour organisiert, jede Kneipe wurde von zwei Landesverbänden bespielt, wir hatten die Ehre mit dem LV Berlin.

Der Abend verlief großartig. Die Kneipen lagen alle in sich zwei kreuzenden Straßen und sobald man sich auf den Weg zur nächsten machte, kamen einem bekannte und unbekannte Gesichter in grauen Anzügen entgegen, pures Festival-Feeling. Natürlich trank ich auch Bier und Gin Tonic, da ich meine mögliche Therapie ja nicht preisgeben wollte, außerdem war ich mir ja sicher, dass ich bis zum Entzug ja noch trinken durfte.

Sehr spät am Abend kam eine Genossin in unsere Kneipe, die ich lange nicht mehr gesehen hatte. Ich fragte sie, ob sie ein Bier haben wolle und sie verneinte. Einfühlsam wie ich nunmal bin, habe ich auf die einzig falsche Art reagiert und gefragt, wieso sie nichts trinken wolle. Zugegeben, ich war dabei nicht empört oder gespielt schockiert, sondern es war wirklich mein Interesse, wieso das so ist. Gab es Leute in meinem Umfeld, die das bereits hinter sich haben, was ich gedenke zu tun?

Sie war zum Glück nicht genervt davon und erzählte, dass sie leider den Konsum nicht im Griff habe und bevor sie die Kontrolle über sich verliert, lieber gar nicht trinkt. Diese Offenheit löste was in mir und ich erzählte ihr von dem Beratungsgespräch am Vortag. Klasse, nicht mal 36 Stunden hatte es gedauert, bis ich das große Geheimnis rausposaunen musste.
Sie fand mein Handeln gut und wünschte mir viel Erfolg auf meinem Weg.

Den Namen nenne ich an dieser Stelle natürlich nicht, ich weiß aber, dass sie diesen Blog liest und möchte ihr hier nochmal für das offene Ohr danken. Es war nämlich der erste Schritt, mich zu öffnen und mit dem Thema offensiv umgehen zu können.

Am nächsten Tag war dann PARTEItag und dieser zog sich unendlich lange, natürlich wurde dabei auch von mir Bier konsumiert, aber in einem Maß, dass ich noch ganz bei der Sache bleiben konnte. Was gar nicht so doof war, denn zu einem recht späten Zeitpunkt durfte ich noch eine Auszeichnung entgegennehmen. Ich habe Anfang 2021 eine bundesweite Aktion geleitet, bei der wir Spenden für FFP2-Masken gesammelt haben.

Stellvertretend für über 50 Verbände und fast 150 Mitglieder, die an der Propaganda und dem Verteilen der Masken beteiligt waren, erhielt ich diese Auszeichnung. Vor ein paar Wochen erst habe ich nochmal über das alles nachgedacht und da ich den Großteil der Organisation immer abends nach der Arbeit erledigt hatte, wurde mir eines klar. Ich war währenddessen eigentlich immer betrunken gewesen. Am ersten Abend, als diese Idee entstand, saß ich vor meinem Rechner gegen 20 Uhr und wollte bald schlafen gehen. Dann kam von unserem Stadtrat aus Fürstenfeldbruck eben diese Idee und ich musste mich wach bekommen, die Idee war super und ich wollte sie nicht lokal sondern eben in ganz Deutschland umsetzen. Zwei Rotweinflaschen später, welche ich mir von meinen Mitbewohnern “geliehen” hatte, stand das grobe Konzept und um 2 Uhr war ich dann endlich im Bett. Zu welchen geistigen Höchstleistungen ich unter Alkohol fähig war, verwundert mich bis heute.

Doch zurück nach Leverkusen. Der Parteitag ging bis 22 Uhr und danach war eigentlich noch eine Party geplant, die aber relativ früh ein Ende fand. Ich saß danach noch mit ein paar Leuten in der Hotellobby und trank ein paar letzte Biere. Nach und nach wurden wir weniger und zeitweise saß ich dann mit Barbara aus dem Münchner Vorstand alleine am Tisch. Da ich auch privat mit ihr gut befreundet bin, habe ich mir ein Herz gefasst und das Thema vom Vorabend wieder unter vier Augen erzählt. Sie war erst überrascht, aber da wir schon ein paar Nächte durchgezecht hatten, erinnerte sie sich recht schnell daran, dass mein Konsum jetzt nicht ganz gering ausfiel. Auch sie bestärkte mich in dieser Entscheidung und so endete dieser Abend ganz gemütlich.

Am nächsten Morgen ging es dann wieder nach München, wo die Broschüren der Kliniken auf mich warteten. Trotz des sehr alkoholhaltigen Wochenendes, hatte sich nichts an meinem Entschluss geändert, eher hatte er mich darin bestärkt.

Am Mittwoch folgt die Wahl meiner Klinik und das Gespräch mit meinem Chef.

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