Tag 150 trocken: Mein Weg in die Klinik (2) – Gicht

Zu Teil 1 geht es hier entlang!

Ein weiteres Jahr verging, mein Blutdruckmittel wurde gewechselt, weil das erste starken Reizhusten nach einer gewissen Zeit verursachte. Alles in allem ging es mir aber deutlich besser, ich war nicht mehr aufbrausend (zumindest nicht mehr explosionsartig) und mein Körper war agiler, ich machte sogar über drei Monate drei Mal die Woche 1-2 Stunden Sport im Fitness-Studio. Gewicht verlor ich nur anfangs, was frustrierend war, denn mit knapp 150kg hatte ich sogar mit einer Körpergröße von 2,05m starkes Übergewicht. Aber wenn man morgens um 6 ins Studio geht, danach 8 Stunden arbeitet, da hat man sich den ein oder acht Gin Tonic schon verdient und am nächsten Tag natürlich auch, weil man ja am Morgen drauf wieder gehen wird.

Nachdem ich mich jetzt länger mit der Thematik auseinandergesetzt habe, hatte ich scheiß viel Glück. Verkatert auf Kondition trainieren, während man Blutdruckmittel schluckt und auf dem Crosstrainer dabei einen Puls von 160-170 hinlegt… nur die Besten sterben jung und so.

Wegen Corona machten die Studios aber wieder zu und meine Motivation war wieder futsch. Mein Gewicht ging zeitweise sogar auf 152kg hoch und mein Konsum blieb konstant. An einem Samstag im April 2022 war ich mit meiner Freundin spazieren. Das Wetter war super, wir schlenderten durch den Olympiapark und gingen auf dem Heimweg noch einkaufen. Mit einer Einkaufstüte in der Hand liefen wir die letzten Meter zu ihrer Wohnung, als auf einmal ein stechender Schmerz durch meinen großen Zeh fuhr. Ich konnte nicht mehr auftreten und bewegte mich halb hüpfend zur Haustür. In ihrer Wohnung angekommen inspizierte meine Freundin meinen Fuß. Der große Zeh war am Gelenk leicht geschwollen, aber sonst konnte sie nichts erkennen. Da mir solche Sachen für gewöhnlich immer am Wochenende passieren, mal wieder ab ins Krankenhaus und zwei Stunden in der Notaufnahme rumsitzen.

Der Arzt fragte mich zig Sachen ab, die passiert sein könnten, die ich aber alle verneinen musste. Zufällig kam eine Schwester rein, die mich fragte ob ich am Vorabend viel Fleisch gegessen und viel Alkohol getrunken habe, dann könne es ein Gichtanfall sein. Tatsächlich hatte ich am Vorabend nur drei Bier getrunken, also wurde auch das verneint. Der Arzt gab mir dann ein paar Ibu 600 mit und meinte, dass wenn es nicht besser würde ich am Montag meinen Hausarzt aufsuchen solle.

Wieder Zuhause lies mir das was die Schwester gesagt hatte aber keine Ruhe. Ich googelte alles was es um das Thema Gicht und Alkohol gab. Die Beschreibungen trafen sehr präzise auf meine Symptome zu und in mir machte sich Angst breit was noch kommen würde. Diesmal blieb die Angst aber präsent, obwohl ich zwei Tage später keine Leiden mehr im Fuß hatte.

Doch bis ich aktiv wurde sollten noch ein paar Wochen vergehen. Erst ein Chat mit einer Freundin sorgte für Tatendrang. Sie erzählte mir von ihren Problemen, die sie einfach nie verstanden hatte, jetzt aber ein gespräch mit einer Ärztin hatte und diese eine Vermutung hatte, die all das erklären könne. Ihre Erleichterung freute mich und ich kannte das selbst von meiner ADHS Diagnose, wie es ist plötzlich ganz viele Erklärungen zu haben, die vorher einfach nicht zu finden waren.

„Du dreckiger Heuchler“, ging mir durch den Kopf und um mich selbst weiter im Spiegel ansehen zu können setzte ich mich an den Rechner. Ich überlegte kurz wo ich anfangen sollte und ausgerechnet diese blöde Boomerwerbung von kenn-dein-limit.de viel mir als erstes ein. Also diese Seite durchforstet und den Selbsttest gemacht. Beim beantworten der Fragen wurde mir schon anders, ich kannte derlei Tests von vielen anderen Sachen und eigentlich war das Klicken auf den Auswerten-Button überflüssig.

https://www.kenn-dein-limit.de/alkohol-tests/alkohol-selbsttest/

Da hatte ich es nun, schwarz auf weiß. Ich habe ein Problem und Internettests lügen bekanntlich nie. Ich habe auch einen IQ von 265, glaubt mir einfach!

Ich machte mich also weiter auf die Suche nach Hilfe. Eine Klinik war völlig ausgeschlossen für mich. Ich konnte unmöglich 2-3 Monate weg bleiben. Die Welt würde ohne mich zusammenbrechen. Der Haken war nur, dass alle Beratungsstellen telefonisch kontaktiert werden wollten und Telefonzeit von gefühlt 9:45 – 10:03 Uhr anboten. Bei dem Gedanken dort anrufen zu müssen und zu sagen, dass ich glaube Alkoholiker zu sein, fühlte ich mich wieder wie ein 12 Jähriger, der seine erste Flamme anrufen will und allen Mut sammeln muss, falls der Vater ans Telefon geht und einen durch den Hörer verdreschen will. (Für die Jüngeren unter euch: googelt Festnetztelefone) Außerdem sahen viele Seiten aus als wären sie das letzte Mal im vergangenen Jahrtausend erneuert worden.

Ich suchte weiter, denn ich hatte Panik vor dem Telefonat. Was würde die andere Seite über mich denken? „Ah, noch so ein scheiß Alki“?
Ich fand zum Glück meine Wunschlösung: eine anonyme Onlineberatung der Caritas.

Denen also geschrieben was so los ist und wenige Stunden später kam die Antwort, dass sie mir einen Klinikaufenthalt empfehlen würden und ich mich gerne unter einer Nummer melden kann.
Das mit der Klinik schmeckte mir nicht, aber da waren Profis dahinter und es wäre dumm nicht auf sie zu hören. Die Suche ging weiter, denn die Adresse war für mich nicht mal eben so erreichbar und ich hatte wieder Glück. Bei Therapie Sofort konnte ich einen Termin für den 20.5.22 per E-Mail (!!!) ausmachen, da hatte ich Urlaub und niemand würde es mitbekommen.

Diese Geschichte wird am Sonntag fortgesetzt und morgen werde ich mich mal um die Nützliche Links Seite kümmern, ob ich noch Zeit für einen weiteren Beitrag finde, kann ich nicht versprechen.

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