Die Nachmittagsstunde am Sonntag wurde wieder durch eine Therapeutin betreut und wir erzählten in der großen Gruppe, was wir so für Erfahrungen bei der Gruppenarbeit gemacht hatten. Die Stimmung war gut, denn wir hatten quasi eineinhalb Tage, an denen wir uns persönlich näher gekommen waren. Dann kamen wir noch auf Punkt 8 den Kontrollverlust zu sprechen. Unter Kontrollverlust hatte ich mir immer sowas vorgestellt, dass ich nicht mehr fähig wäre, kontrolliert zu handeln und Dummheiten im Suff mache. Doch es geht eigentlich darum, dass es nicht möglich ist, über die Menge des Konsums zu entscheiden, keine Grenze zu kennen. Meine Schwester nannte es mal “keinen Ausknopf” zu haben, was es bildlich wohl am besten umschreibt.
Nachdem die Therapeutin genauer ins Detail gegangen war, stellte ich fest, dass ich diese Kontrolle eigentlich nie verloren habe, weil sie nie da war. Solange das richtige Umfeld (was nicht zwingend nötig war) da war, gab ich Vollgas. Das war eine Erkenntnis für mich, die viel erklärte und wieder war so ein Wow-Moment in der Therapie. Ein sehr dunkles Bild wurde immer heller und bunter.
Nach der Besprechung füllten wir noch Fragebögen zu den einzelnen Punkten aus, die wir behandelt hatten und nachdem ich die ersten zwei Seiten nur mit “Ja” beantwortet hatte, fragte ich in den Raum “Öhm, Bingo?”. Das sorgte für einzelne Lacher und ich war auch guter Laune, obwohl mir der Fragebogen bestätigt hatte, dass ich längst in der chronischen Phase angekommen war. Das war ein Fakt, an dem ich nicht rütteln kann, ich muss mit ihm arbeiten.
Als die Stunde vorbei war, ging ich wieder auf mein Zimmer, um meine Unterlagen abzuladen. Da bis zum Abendessen noch ein wenig Zeit war, legte ich mich aufs Bett zur Entspannung. Es war ein guter Tag, die ganze Zeit schien die Sonne, ich fühlte mich hier sicher und lernte meine Sucht richtig kennen, statt sie immer zu ignorieren. Dann dachte ich nochmal über den Kontrollverlust nach und in mir zog es plötzlich alles zusammen. Erst in der ruhigen Umgebung wurde mir bewusst, was ich eigentlich vorhin gesagt hatte.
Ich stand wieder auf, ging zum Schreibtisch und las mir diesen Punkt nochmal durch, gleich ein paar Mal. Bei jeder Wiederholung flossen mehr Tränen. Mein Alkoholkonsum war schon immer problematisch gewesen. Nicht seit der Gicht, nicht seit den Herzrhythmusstörungen, nicht seit den Lockdowns, nicht weil ich zu viel gefeiert hatte, nicht seit ich auf Festivals gefahren war, nicht seit ich das erste Mal in Clubs war, sondern seit dem ersten Mal, als der Alkohol seine betäubende Wirkung in meinem Kopf entfaltet hatte. Davon habe ich nie genug bekommen können.

Ich saß bestimmt eine Stunde dort und heulte ohne Unterbrechung. Es tat weh erfahren zu haben, dass man sich selbst seit knapp 20 Jahren gnadenlos überschätzt hatte, vielleicht auch deswegen nie einen kritischen Punkt gemerkt hat, weil es nie unkritisch war und für mich Normalität. Ja, die konsumierte Menge hat sich erhöht, aber das Verhalten wohl nicht. Was ich für normal halte, kann ich ja nur schwer als Problem erkennen, dazu braucht es eben andere Einflüsse und die mussten leider erst wirklich körperlicher Natur sein, damit ich sie ernst nahm. Ich fühlte mich beschissen, dumm und wertlos. Ein ganzer Versager eben und das wurde auch noch großartig unterstrichen, denn in diesem Moment gab es nur eine Sache, die ich ganz dringend wollte: einen eiskalten Gin-Tonic!
Auch dafür hasste ich mich. Wo war der Wille zu kämpfen hin? Wieso war bei der ersten großen Konfrontation der erste Wunsch der scheiß Alkohol, wegen dem ich hier war? Hatte das alles überhaupt einen Sinn? Ich würde es doch eh nicht schaffen!
Als die Tränen nachließen, machte ich mein Tablet an und startete das Video, welches mir meine Schwester geschickt hatte. Die Tränen wurden bei einigen Sätzen meiner Freunde wieder mehr, aber sie bauten mich auf. Ich würde hier nicht hinschmeißen, sondern es durchziehen, selbst wenn ich danach wieder anfange zu trinken, nach vier Tagen konnte ich nicht die Flinte ins Korn werfen. Ich habe schon weit Schlimmeres durchgestanden. Ich stand auf und ging ins Bad, um mir das Gesicht zu waschen. Vor dem Abendessen wollte ich noch eine Zigarette rauchen und durchatmen.
In der Raucherecke angekommen, standen sehr viele aus unserer Gruppe dort rum. Das heiße Wetter trieb selbst die rauchfreien Mitglieder vor die Tür. Natürlich blieben meine roten Augen nicht unbemerkt und der erste sprach mich an, ob alles okay sei. Ich antwortete, dass ich in der letzten Stunde eine Erkenntnis hatte, die mich umgehauen hatte, es aber schon wieder ginge. Es hörten jetzt auch ein paar mehr zu und er fragte, ob ich über die Erkenntnis sprechen wolle. Also erzählte ich den anderen grob, was die letzten Stunden in mir vorgegangen war und wie ich mich fühlte, weil ich eigentlich schon immer ein problematisches Konsumverhalten hatte. Ich rechnete mit ernster Anteilnahme und Mitleid von den anderen, doch das blieb aus. Stattdessen grinsten und jubelten sie, denn ich hatte meinen ersten Durchbruch in der Therapie gehabt. Der Suchtdruck war weg und Euphorie machte sich in mir breit.
Und deswegen, liebe Kinder, ist es immer ratsam, sich eine Außenperspektive einzuholen und nicht immer alles alleine mit sich selbst auszumachen. Klingt komisch, ist aber so 🙂
